Raether, Till - Meeresdunkel

Raether, Till - Meeresdunkel

Thriller um zwei Familien im Urlaub auf Mallorca.

Was macht eigentlich einen guten Thriller aus? Für mich lebt ein guter Thriller wohl vor allem von anhaltender Spannung. Damit meine ich nicht unbedingt rasante Action, sondern eine zentrale Frage, die man sich als Leser:in mehr oder weniger bewusst stellt: „Was passiert wohl als Nächstes, und wie schlimm kann es noch werden?“ Damit diese Frage im Kopf entstehen kann, braucht es für mich eine Mischung aus glaubwürdigen Hauptfiguren, einer klaren Bedrohungslage, guten Handlungstwists, wechselndem Erzähltempo, einer dichten Schauplatzatmosphäre, zunehmender Eskalation und einem befriedigenden Ende. Können Sie sich dieser Beschreibung anschließen? Falls ja, habe ich mit „Meeresdunkel“ eine durchaus beachtenswerte Buchempfehlung für Ihre Bücherei oder Bibliothek.

Till Raether schickt in „Meeresdunkel“ zwei Hamburger Familien zum Urlaub auf die herbstliche Insel Mallorca. Als Henrike mit ihrem Mann Hans, den beiden gemeinsamen Kindern sowie ihrem Bruder Freddie dort ankommt, erlebt die Familie eine äußerst unangenehme Überraschung: Die als Schnäppchen gebuchte Villa ist leider ziemlich heruntergekommen und wurde außerdem doppelt vermietet. Samuel und Marie stehen mit ihrem Sohn Juri nämlich ebenfalls vor der Tür. Da alle alternativen Quartiere in der Umgebung ausgebucht sind, beschließen sie, in der ohnehin geräumigen Villa vorerst gemeinsam zu übernachten.

Was nach einem ungewollt originellen Urlaubsbeginn klingt, entwickelt sich jedoch rasch zu einem Fiasko. Die Kinder freunden sich zwar schnell an, zwischen den beiden Elternpaaren, in deren jeweiligen Beziehungen es ohnehin kriselt, entsteht jedoch bald eine beklemmende Stimmung. Die Lage beginnt zu eskalieren, als eine Bootsfahrt der Kinder in Begleitung von Hans während eines der typischen Herbstunwetter auf Mallorca beinahe für alle tödlich endet. Doch das ist nur der vergleichsweise harmlose Auftakt zu dem, was noch folgt: Dunkle Familiengeheimnisse kommen ans Licht und ziehen schließlich tödliche Folgen nach sich …

Der Thriller mutet für mich wie ein literarisches Kammerspiel an. Erzählt wird abwechselnd aus der Perspektive von Henrike, Samuel und Juri, jeweils in einer gut an die Figur angepassten Sprache. Über kleinere Logikfehler kann man großzügig hinwegsehen, die gelungenen Handlungstwists entschädigen dafür. Die Schilderung der Schauplatzatmosphäre ist bildgewaltig, der Spannungsaufbau gelungen. Nur die häppchenweise Hinführung zur Auflösung der Geschichte über fast 200 Seiten hinweg hat meine Neugier und Geduld dann doch auf eine harte Probe gestellt.
Gerald Wödl

Raether, Till - Meeresdunkel
Thriller. Hamburg: Rowohlt 2026. 416 S. - kt. : € 18,50 (DR) ISBN 978-3-499-01719-3

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