Röckel, Susanne - Vera

Röckel, Susanne - Vera

Veröffentlicht am 14.01.2026

Eine Erinnerung.

Am Morgen des 29.4.1968 stand Dina Pronitschewa aus Kiew, eine der wenigen Überlebenden des Massakers von Babyn Jar (Ukraine), in Darmstadt als Zeugin vor Gericht. Der Hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hatte am Zustandekommen des sogenannten Callsen-Prozesses maßgeblich mitgewirkt. Von mehreren Hundert an der Vernichtungsaktion im September 1941 beteiligten Männern hatten sich zehn ehemalige Mitglieder des Sonderkommandos 4a der Einsatzgruppe C vor dem Land-gericht Darmstadt zu verantworten und kamen schließlich mit milden Strafen wegen Beihilfe zum Mord davon (in drei Fällen wurde ganz von der Strafe abgesehen). Dina Pronitschewa sprach während der Verhandlung russisch. Das Protokoll ihrer ins Deutsche übertragenen Aussage erschien 2021 in der Zeitschrift „Osteuropa“.

War es Zufall oder war es Fügung? Am Tag der Gerichtsverhandlung kreuzte die damals 14-jährige Susanne Röckel das Auto, das die Zeugin zum Gericht brachte. Diese imaginäre Begegnung löste bei ihr ein literarisches Nachdenken über Widerstand, Gerechtigkeit und Verleugnung aus. Soweit die Verlagsangaben zu diesem Buch. Seine Autorin, geboren 1953 in Darmstadt, ist auch als Übersetzerin aus dem Englischen und Französischen tätig.

 In „Vera“ überrascht Susanne Röckel mit einer ungeahnten Sprachgewalt und einem bewundernswerten Sprachvermögen, mit dem sie meisterhaft in einer Art gedanklich simulierter Rückblende zu überzeugen vermag. Um damit auch glaubhaft voranzukommen verleiht sie der ukrainischen Zeitzeugin kurzerhand den Namen Vera: „Die Dunkelheit ist es, die uns verbindet, Vera und mich, heute über 50 Jahre nachdem sie in Darmstadt auftauchte, wo ich geboren wurde und zur Schule ging. Dunkelheit, in die ich mich sinken lasse wie in tiefes Wasser, um das Andere zu finden, die Andere, die zu mir spricht, Dunkelheit, Fluss der murmelnden Stimmen und undeutlichen Bilder. Ist das gemeint, wenn man ‚Erinnerung‘ sagt? Ich brauche ihr Gesicht, das ich Vera nenne, um herauszufinden aus dem ewigen Nirgendwo ...“

Was dieses Buch besonders ausmacht, ist die sehr sensible, gelungene Verquickung des ebenso nicht unproblematischen Daseins der blutjungen Susanne mit dem größtenteils fiktiv erdachten Schicksal der viel älteren ukrainischen Zeitzeugin. Dieses Buch, welches zur Gattung literarischer Erinnerungsarbeit zu zählen ist (ein literarisches Wechselspiel zwischen Roman und Memoir), stellt ein Leseerlebnis der besonderen Art dar.
Adalbert Melichar

Röckel, Susanne - Vera
Eine Erinnerung. Salzburg: Residenz 2025. 157 S. - fest geb. : € 22,95 (DR) ISBN 978-3-7017-1809-2

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