Schaap, Annet - Eliza und der Ruf der Schwäne
Aus dem unsicheren Mädchen wird allmählich eine selbstbewusste junge Frau.
Was für eine Lektüre! Rund um die Protagonistin Eliza und deren kleinen Bruder Krekel legt die Niederländerin Annet Schaap ein warmherziges – und trotz seiner Dicke – leicht zu lesendes Kinderbuch vor, das gleichermaßen beglückt, wie es zu Tränen rührt. Eigentlich hat Eliza sechs Brüder, doch fünf sind im Meer ertrunken. Das behauptet zumindest die böse Stiefmutter, die den Vater der Geschwister nach dem Tod seiner ersten Frau wohl verhext hat. Warum wäre er ihr sonst so hörig? Eliza jedenfalls glaubt nicht an diese Mär und macht sich zusammen mit Krekel auf eine gefährliche Abenteuerfahrt, die sie übers stürmische Meer bis hin zu den Weißen Klippen führt: Dort sollen sich ihre vermissten Brüder aufhalten.
Anfangs noch realistische Kinderbuchgeschichte mit historischem Flair, dreht sich das Setting unmerklich in eine klug gemachte, fantastische Adaption des Grimm’schen Märchens „Die sechs Schwäne“. Mit ihrem bösen Blick hat die Stiefmutter nämlich erst die fünf Brüder in Schwäne und dann Krekels Arm in einen Schwanenflügel verwandelt. Gerettet werden können sie nur durch ihre Schwester, die sich wie die anderen auftretenden Figuren – darunter eine verknöcherte Lehrerin, ein eigenbrötlerischer Seemann und ein unterdrückter Krämer – nach und nach von der ihr zugeschriebenen Rolle emanzipiert: Zunehmend kommt Eliza mit dem von ihr erwarteten weiblichen Verhalten ins Hadern, und so wird aus dem unsicheren Mädchen allmählich eine selbstbewusste junge Frau. Viel Stoff zum Mitträumen und Mitfiebern also, aber auch zum Mitschauen: Jeder der sieben Buchteile wird von einer doppelseitigen, schwarz-weißen Illustration der Autorin gerahmt, dazwischen verzieren die unterschiedlichsten Federn die Kapitelanfänge des Kinderomans, dessen Hauptfiguren man (fast alle) einfach lieben muss. Ab 10 Jahren.
Silke Rabus
Schaap, Annet - Eliza und der Ruf der Schwäne
Stuttgart: Thienemann 2026. 464 S. - fest geb. : € 16,50 (JE) ISBN 978-3-522-18877-7 Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart