Schirach, Ferdinand von - Der stille Freund
Veröffentlicht am 16.01.2026
14 Geschichten über das Leben und die menschliche Natur.
Unbestritten ist Ferdinand von Schirach ein ganz großer Erzähler unserer Zeit. Dies hat er etwa bereits in den beiden juristisch inspirierten Erzählbänden „Verbrechen“ (2009) und „Schuld“ (2010) eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Seine klare und präzise Sprache, sein erzählerischer Minimalismus sowie die konsequent neutrale, niemals wertende Erzählposition haben ihm seit vielen Jahren eine treue Leser:innenschaft eingebracht.
Nun weitet er – wenn auch nicht zum ersten Mal – in „Der stille Freund“ sein ursprünglich angestammtes juristisch-literarisches Terrain aus. In 14 Textminiaturen über das Leben und die menschliche Natur verwendet er eine Mischung verschiedener Genres und Stile. Erzählerische und reflektierende Elemente werden dabei miteinander verbunden. Raffael Leitner schreibt dazu am 21.10.2025 im „Standard“: „Literatur, die sich auf das ‚bloße‘ Geschichtenerzählen versteht, ohne dabei banal zu wirken, ist eine seltene Oase inmitten einer in Bekenntniszwang erstickenden Zeit.“
Und genau hier dürfte die Wurzel meines ganz individuellen Problems mit Schirachs aktuellem Buch liegen. Rational betrachtet, kann ich Leitners Aussage nämlich absolut zustimmen. Emotional hingegen holt mich kaum eine der 14 Geschichten so ab, dass ich mich am Ende wirklich berührt fühle. Ich gehe nicht klüger aus der Lektüre hervor, habe kein ausgesprochen lustvolles Leseerlebnis hinter mir und verstehe das Spektrum der menschlichen Natur nicht spürbar besser. Auch entdecke ich keinen Hinweis zur Ausrichtung meines moralischen Lebenskompasses. Offenbar brauche ich jedoch all das, oder zumindest das eine oder andere davon, um nach dem Lesen eines Buches das Gefühl zu haben, es habe mir auf die eine oder andere Art etwas gebracht. Hinzu kommt, dass ich mit dem gesellschaftlichen Umfeld, in dem vor allem einige der wohl autofiktionalen/autobiografischen Geschichten des Autors spielen, überhaupt nichts anfangen kann. Sorry, aber die High Society mit ihrem oft pseudo-intellektuellen Gehabe kann mir auch ein Herr Schirach nicht schönschreiben.
Trotzdem habe ich ein persönliches Highlight in diesem Buch entdeckt. In der Geschichte über Egon Friedell wird berichtet, dass dieser in Wien als Kabarettist große Erfolge feierte, in Berlin jedoch heftig verrissen wurde. Dazu zitiert Schirach aus Friedrich Torbergs „Die Tante Jolesch“: „Auf einen dieser Verrisse, der ihn u. a. einen ‚versoffenen Münchner Dilettanten‘ nannte, reagierte Friedell mit einem offenen Brief ungefähr folgenden Inhalts: ‚Es stört mich nicht als Dilettant bezeichnet zu werden. Dilettantismus und ehrliche Kunstbemühung schließen einander nicht aus. Auch leugne ich keineswegs, daß ich dem Alkoholgenuß zugetan bin, und wenn man mir daraus einen Strick drehen will, muss ich´s hinnehmen. Aber das Wort ‚Münchner‘ wird ein gerichtliches Nachspiel haben!‘“
Angesichts der heute knappen Medienankaufsbudgets öffentlicher Büchereien und Bibliotheken würde ich mir daher die durchaus knifflige Frage stellen: Kaufe ich den neuen Schirach – oder besser wieder einmal ein neues Exemplar von Torbergs „Die Tante Jolesch“?
Gerald Wödl
Schirach, Ferdinand von - Der stille Freund
München: Luchterhand, 2025. 176 S. - fest geb. : € 23,95 (DR) ISBN 978-3-630-87812-6

