Schmidt, Eva - Neben Fremden

Schmidt, Eva - Neben Fremden

Veröffentlicht am 05.01.2026

Geschichte einer vordergründig unspektakulären Frau Anfang sechzig, die sich oft fremd und einsam fühlt.

„Ich bin nicht unzufrieden, komme halbwegs mit mir zurecht. Mein Leben ist auch ein Leben.“ Mit diesen beiden Sätzen beendet Rosa, gerade pensionierte Pflegerin in einem Seniorenheim, das Nachdenken über ihr bisheriges Leben.

Man gleitet beim Lesen anfangs leicht in diesen Roman, die Autorin lässt Rosa, die den völlig unerwarteten Tod ihres Lebensgefährten Fred verarbeiten muss, ohne verzweifeltes Selbstmitleid erzählen. Rosas Tage sind strukturiert: Kaffee und Zigaretten auf dem Balkon sowie lange Spaziergänge mit ihrem altersschwachen Hund Don, der sie schon lange begleitet und ihr in der Phase der Trauer etwas Sicherheit und Stabilität gibt. Doch die Oberfläche bekommt schnell empfindliche Kratzer. Rosas Nachbarin Mele erleidet häusliche Gewalt, scheint aber ohne ihren Freund nicht leben zu können. Die vermeintliche Freundin Margreth, eine ehemalige Kollegin, ist mehr an sich selbst und ihren Tratschgeschichten interessiert als an Rosa, und die betagte, aber vorerst noch rüstige Mutter will auch im Alter ihre Tochter vereinnahmen. Sie erwartet, dass Rosa zu ihr zieht, und gesteht ihr kein eigenständiges Leben zu.

Kurz vor seinem Tod hat Fred Rosa einen Campingbus geschenkt, der ihr jetzt zu einem Symbol für einen möglichen Neuanfang, für eine Flucht aus der Einsamkeit wird. Sie unternimmt eine erste Fahrt aus der Hitze des Flachlandes in die Berge, von wo sie mit Una, einem Hund, der von seiner Besitzerin ausgesetzt wurde, zurückkehrt. Dass Rosa einen erwachsenen Sohn hat, erfährt man erst in der Mitte des Buches, als Paz, die 16-jährige Tochter der Nachbarin, bedauert, dass Rosa keine Kinder hat. Doch Tom hat früh seine alleinerziehende Mutter verlassen, ist verschollen und schreibt nur hin und wieder Ansichtskarten aus unterschiedlichen Städten. Einen engeren Kontakt will er mit seiner Mutter nicht.

Eva Schmidt stellt die Geschichte einer vordergründig unspektakulären Frau Anfang sechzig in den Mittelpunkt ihres Romans. Ihre Hauptfigur fühlt sich oft fremd und einsam, kann sich aber in andere einfühlen und trifft Entscheidungen, die wachsende Selbstfürsorge und den Willen, ein unabhängiges Leben zu führen, spüren lassen. Ein Roman von großer Tiefe und sprachlicher Schönheit, mit dem die Vorarlberger Autorin viele Leser und Leserinnen ansprechen wird.
Ida Dehmer

Schmidt, Eva - Neben Fremden
Roman. Salzburg: Jung und Jung 2025. 192 S. - fest geb. : € 24,95 (DR) ISBN 978-3-99027-426-2

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