Schneider, Nadine - Das gute Leben

Schneider, Nadine - Das gute Leben

Roman über vier Generationen von Frauen.

Es ist Christinas erste Erinnerung an Großmutter Anni und ihre Mutter Helene: Wie sie im Sommer 1994 gemeinsam mit vielen anderen Trauernden in der heißen Sommersonne vor der Kirche ausharren, in der das Begräbnis von Grete Schickedanz, Chefin des Quelle-Versandhauses, stattfindet.

Für Anni, die in den sechziger Jahren schwanger Rumänien verlässt, um in Deutschland ein besseres Leben zu führen, ist die Quelle Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens. Dort findet sie als junge Alleinerziehende Arbeit an der Packstraße, wo all die Waren für den Versand fertiggemacht werden, die das deutsche Wirtschaftswunder für eine breite Masse erschwinglich macht. Auch ihre Tochter Helene will als erwachsene Frau und junge Mutter ein gutes Leben führen, aber in Deutschland scheint das für sie nicht möglich. Sie wandert mit einer Green Card in die USA aus und lässt ihre zehnjährige Tochter Christina bei Anni zurück, die nun ein zweites Mal allein ein Kind großziehen muss. Nach Annis Tod erbt die Enkelin das Haus in der Nähe von Nürnberg, in dem sie mit ihrer Großmutter gelebt hat, und stellt fest, wie wenig sie über diese weiß.

Erinnerungen tauchen auf an die beschwerlichen Reisen zur Urgroßmutter nach Rumänien, wohin Anni sie zweimal im Jahr mitnimmt und wo sie beide eigentlich nicht sein wollen. Christinas Erinnerungen würden jedoch nicht ausreichen, um das Leben der Großmutter, die selten mehr als das Notwendigste sprach, einzufangen. Daher steht Anni in einer weiteren Erzählebene selbst im Mittelpunkt: Als werdende Mutter, die sich für die Unsicherheit in der Fremde entscheidet, um ihrem Kind ein Leben in der dörflichen Enge am Rande von Temeswar zu ersparen. Als fleißige Arbeiterin, die sich die Beine in den Leib steht, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Als enttäuschte Frau, die nach 35 Jahren Opfer des Personalabbaus bei der Quelle wird, und als Mensch, der auf vieles verzichten musste, um ein sogenanntes gutes Leben zu führen. Trotz aller Anstrengungen, das will sie sich kaum eingestehen, hat sie es jedoch nie ganz geschafft, dazuzugehören.

Nadine Schneiders Roman über vier Generationen von Frauen zeigt das beachtliche erzählerische Talent der Autorin, die jeder ihrer Figuren mit Respekt und Zuneigung begegnet und ihre Fürsorge füreinander würdigt. Gekonnt verwebt sie die verschiedenen Ebenen, auf denen die Handlung spielt, und führt ihre Leserinnen und Leser ohne übertriebene Dramatik, aber mit beeindruckender Tiefe durch einen Zeitraum von vielen Jahrzehnten.
Ida Dehmer

Schneider, Nadine - Das gute Leben
Roman. Frankfurt: S. Fischer 2026. 304 S. - fest geb. : € 25,70 (DR) ISBN 978-3-10-397713-4

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