Schnitzler, Lili - „Gefährlich leben“
Tagebücher der Tochter Arthur Schnitzlers von 1926 bis zu ihrem frühen Tod 1928.
Lili Schnitzler, die Tochter von Arthur Schnitzler, heiratete 1927 im Alter von 17 Jahren, trotz aller Bedenken ihrer Eltern, den 37-jährigen Offizier aus Mussolinis faschistischer Miliz, Arnoldo Cappellini.
Im Juli 1928 schießt sie sich in Venedig mit einer alten Pistole eine rostige Kugel in die Brust, nach einem „unbedeutenden Streit“ (so Cappelini). Zum herbeigeeilten Hausmädchen ruft sie: „Un momento di nervosismo“ und meint, bald wieder aus dem Krankenhaus entlassen zu werden, da kein lebenswichtiges Organ getroffen wurde. Doch am nächsten Tag stirbt sie an Blutvergiftung. Lili Schnitzler führte seit ihrem 10. Lebensjahr ein Tagebuch. Es war bis vor wenigen Jahren auf Wunsch der Familie für jede Einsicht gesperrt. Die jetzt erscheinenden Aufzeichnungen aus ihren letzten drei Jahren können einige Legenden berichtigen, die sich in den 90 Jahren der Sperre bilden konnten.
Wie bei einem Tagebuch einer 16- bis 19-Jährigen nicht anders zu erwarten, drehen sich ihre Eintragungen nicht um weltpolitische, gesellschaftliche oder philosophische Themen, sondern vor allem um eher banale Befindlichkeiten eines Teenagers, einer jungen Erwachsenen aus besseren Wiener Kreisen.
Das Verhältnis zum Vater und zur Mutter Olga (sie ist seit 1921 von Schnitzler geschieden) kann man hier so wie naturgemäß Ihre Beziehung zu Arnoldo (den sie 1925 kennenlernte) nachverfolgen. Immer wieder streitet sich das Paar, sie droht des öfteren mit dem Sicherschießen. Als Beispiel: „Zu Hause ist er plötzlich unmöglicher Laune, ich will ihn trösten, er antwortet etwas brüsk, lange Szene. Erst heule ich, dann will ich mich erschießen, dann spreche ich ruhig, dann will ich mich wieder erschießen, dann versöhnen wir uns. Arnoldo ist verrückt, aber nett“ (12. Dezember 1927).
Das „Spiel des Schauens und Hinterherlaufens“ der beiden Verliebten kann Tag für Tag nachvollzogen werden, trotz all der banalen Alltäglichkeiten und Launen, kann man sich doch Einiges zusammenreimen. Auch die Konflikte zweier sehr impulsiver Persönlichkeiten und ihre Geldschwierigkeiten (der Papa gab viel, konnte aber nicht mehr) kann man gut nachverfolgen. Der letzte Eintrag bezieht sich übrigens (wie einige vorher) auf einen bislang unbekannten Mann (ein Freund Arnoldos) und Lilis Spiel mit einer doppelten Verliebtheit.
Die Legende, dass Lili seit der Kindheit psychischen Störungen unterlag, wird hier widerlegt - denn es wird in ihren Eintragungen offensichtlich, dass sie vor allem leben wollte. Und es war auch kein Suizid, sondern eine Art Unfall im Psychospiel der beiden Jungverheirateten.
Max Haberich, der Herausgeber des Buches kann in seinem 30-seitigen Vorwort etliche Unwahrheiten und Gerüchte, die als Tatsachen aus Lili Schnitzlers Leben verbreitet wurden, zurechtrücken und kommentieren. Man liest diese Tagebücher mit wachsender Aufmerksamkeit für eine jungen intelligenten Frau, die etwas überdrehte Tochter von Arthur Schnitzler, die die Werke ihres Vaters sehr gut kennt, sie bisweilen sogar bisweilen mitinspiriert hat und in deren Mittelpunkt ihrer Familienaufstellung der dominante Vater mit all seinem Verständnis und seiner Unterstützung steht.
Georg Pichler
Schnitzler, Lili - „Gefährlich leben“
Tagebücher. Die letzten Jahre 1926-1928. Hg. von Max Haberich. Wien: Brot und Spiele 2025. 300 S. : Ill. fest geb. : € 23,95 (BB) ISBN 978-3-903406-42-1