Schubert, Helga - Luft zum Leben

Schubert, Helga - Luft zum Leben

Geschichten vom Übergang.

„Es gibt beim Schreiben ein Risiko, und ich bin mir auch dessen bewusst, die Lebensumstände eines Menschen in den genauen Einzelheiten zu beschreiben. Aber nur die genaue Beschreibung interessiert mich. Mich faszinieren die Einzelheiten, die dieses Menschenschicksal ausmachen. Natürlich könnte ich mir etwas ausdenken, aber dann würde diese Schicksalsbeschreibung ja nicht stimmen. Man würde beim Schreiben diesen Menschen unkenntlich machen, die Erkenntnis verraten, die man über dieses Leben nach langem Zuhören und Vergleichen gewonnen hat.“

Dieses Zitat aus einem neueren und erstmals in diesem Band veröffentlichten Text „Die Waage“ bringt gut die Intensität und Anziehung, die von dieser Autorin ausgeht, auf den Punkt. Ihr eigenes Leben und das der anderen genau zu beobachten, zu reflektieren und liebevoll nachzuzeichnen, mag wohl auch an ihrer langjährigen Profession der studierten Psychologin als Psychotherapeutin liegen. 1975 erscheint ihr Debüt mit dem Erzählband “Lauter Leben“. 1980 wird sie erstmals zum „Bachmann-Preis“ nach Klagenfurt eingeladen. Doch durch eine Veröffentlichung gemeinsam mit Ulrich Plenzdorf und Stefan Heym ist sie lange im Fokus der Staatssicherheit und in ihrem Lebensradius eingeschränkt. Die Erzählungen, die hier versammelt sind, erzählen auch davon.

Nach mehr als 20-jähriger Unsichtbarkeit im Literaturbetrieb wird 2021 erstmals wieder ein Buch von Helga Schubert veröffentlicht. Ausschlaggebend dabei war wohl auch der Auftritt bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur, zu denen sie im Pandemie-Sommer 2020 neuerlich eingeladen wird und den sie auch gewinnt. Zu dieser Zeit pflegt sie schon in der ländlichen Einsamkeit Schwerins ihren Ehemann, einen bekannten Psychologie-Professor bis zu seinem Tod im Sommer 2025.

Kurze Nächte, wenig Schlaf und die wenige Zeit fürs Schreiben nutzen, das ist wohl auch ihr Geheimnis ihres wachen, neugierigen und immer noch sehnsüchtigen Blicks auf die Welt. Doch Schubert geht mit wachem Geist mit der Diktatur ihres Heimatlandes kritisch ins Gericht, zeigt persönliche Schicksale und den Umgang damit, ohne dabei jemals bitter zu sein. „Luft zum Leben“ spannt einen Bogen von den Anfängen ihres Schreibens bis in die Gegenwart. Kurze und längere Erzählungen, kleine Essays, Notizen sind in diesem Band versammelt, einem Kleinod an Lebensklugheit, Herzensgüte und Zuversicht in sich verdunkelnden Zeiten.
Julie August

Schubert, Helga - Luft zum Leben
Geschichten vom Übergang. München: dtv 2025. 285 S. - fest geb. : € 25,95 (DR) ISBN 978-3-423-28513-1

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