Schuberth, Richard - Der Paketzusteller

Schuberth, Richard - Der Paketzusteller

Harte Gesellschaftskritik, digitale Abgründe und gesellschaftliche Düsternis.

„Um es ein und alle Mal klarzustellen. Es gibt kein Leben außerhalb der sozialen Medien! Siebzig Prozent der europäischen Bevölkerung sind auf Facebook, Twitter, Instagram, Pinterest, TikTok und es werden täglich mehr. Jede Kritik an den Social Media stimmt! Und all die nachdenklichen, anklagenden, hochgelehrten, besorgten, warnenden, blasiert näselnden Analysten, so wahr sie auch sein mögen, sind doch nichts als der Schwanengesang der Verlierer, jener sterbenden Klasse der Feuilletonisten und sich über den Zeitläufen glaubenden Gruftis der alten intellektuellen Kultur ...“ Um es mit dieser kurzen Textprobe eingeleitet zu haben, in diesem Buch ist keine samtweiche Unterhaltungslesekultur verpackt! Im Gegenteil!

Harte Gesellschaftskritik, digitale Abgründe und gesellschaftliche Düsternis entsprechend unserer heutigen Zeit kommen ungehemmt und sprachwuchtig in diesem Text auf uns zu. Vollgepfropft mit dem derzeit grassierenden „KI-Sprech“, wie „Facebook-Trolle, TikTok, Algorithmen, Telegram, Radikalisierung, Mansplaining, Female Empowerment, „MyBodyMy Choice“, Alltagssexismus u.v.a. und einer nicht zu leugnenden nervenflatterigen KI-generierter Empörungskultur. Dennoch spinnt der Autor gekonnt im Hintergrund des Romans einen mehr als berührenden und tief zu deutenden Handlungsfaden!

Das schlimme Schicksal der Hauptfigur Gerhild Pfister, 48 Jahre alt. Eine studierte Künstlerin, deren Leben Erfolglosigkeit beschieden ist. Total lebensverbittert ob einer Krebsdiagnose, die ihr nur eine kurze Lebensdauer bescheinigt. Durch ein väterliches Erbe wird sie zum Glück vor Verarmung bewahrt. Ihre tägliche Lebensaufgabe gipfelt als selbsternannte resolute und streitsuchende Facebook-Queen. Gerhild: „Gut so, Scherzen vor der Schlacht dämpft die Todesangst. Leider, lieber Bobby, muss es jetzt ernst werden, ja? Bist du bereit? Also, letzter Mohikaner der Suhrkampkompatiblen Ohrensesselradikalität, du disst uns alle als Konformisten ...“

Bis eben eines Tages ein Paketzusteller an ihre Wohnungstüre klopft und Gerhild, entgegen ihrer grundsätzlichen männerablehnenden Lebenseinstellung, freiwillig in ein Beziehungsdrama stolpert. Dies mit einem ziemlich flapsigen, obszönen Start, kurz und lüstig über die Türschwelle hinweg. Das heißt, schneller als man zum Lesen kommt, tauschen die beiden Intimitäten aus. Diese Beziehung sollte nicht von Bestand sein, was man schon im Voraus vermuten durfte. In weiterer Folge muss Gerhild, beim Versuch in der Medienbranche Fuß zu fassen, herbe Absagen hinnehmen. Zum Tiefpunkt ihrer Alltagsstimmung führt der Verlust ihres einzigen Lebensmenschen Ferry. Dessen genial selbst inszenierten Abgang vom Erdendasein wird vom Autor ungemein sprachgewaltig als eruptive Anklage und zugleich Absage an die heutige heuchlerische, manipulier- und verführbare Gesellschaft zelebriert.

Dass sich eines Tages bei einem Arztbesuch Gerhilds Krebsdiagnose als verfehlt darstellt und sich ihr Gesundheitszustand total verbessert hat, sie somit als gesund anzusehen ist, lässt ihren Stimmungszustand allerdings noch mehr abdriften. „Und was jetzt? Sie wartet. Doch der versprochene Freudenrausch wollte sich nicht einstellen. Welch grauer, hässlicher Sonntag. Sie fühlte sich wie eingefallener Kuchenteig. Zuerst Ferry, dann Haydar – und jetzt der letzte Freund des vergangenen Jahres, der Tod ...“ Sie begibt sich in Folge unter schwerem Drogeneinfluss auf einen desaströsen Tripp der Selbstvernichtung. Wie das geschieht, sollten Sie selber erlesen!

Dieser Roman stellt auf jeden Fall rundum riesige Ansprüche! Hinsichtlich Texterfassung, Textumfang und Lesekondition. Es gilt auch für sich abzuklären, ob ich den vorhandenen Unterhaltungsaspekt dieses Romans überhaupt (wenn, dann allerdings geduldig) herauslesen möchte. Nicht zuletzt gilt es auch Position und Einstellung zu beziehen: Wie finde ich mich in der heutigen Gesellschaftslage zurecht? Wie goutiere ich ihre Umgangsformen, moralischen Ansichten, Lebensauffassungen und zwischenmenschlichen Beziehungsrituale? Wenn man damit klarkommt, kann ich dieses Buch wirklich empfehlen.
Adalbert Melichar

Schuberth, Richard - Der Paketzusteller
Roman. Klagenfurt: Drava 2025. 340 S. - fest geb. : € 24,95 (DR) ISBN 978-3-99138-114-3

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