Schulman, Alex - Jetzt beginnt das Leben

Schulman, Alex - Jetzt beginnt das Leben

Eine Archäologie der Erinnerung.

Bei der Durchsicht alter Kisten macht Vidar eine folgenschwere Entdeckung: „Auf einer Seite stand die Nummer des Sommerhauses, in dem ich als Kind die Ferien verbracht hatte. Fünf Ziffern. Ich betrachte sie, und plötzlich tauchte die Erinnerung auf, eine kurze Sequenz von einem dieser Abende am See, wenn die Sonne tief stand und das alte Holzhaus zwischen den Birken leuchtete. Wie ich als kleiner Junge einen Stein vom Ufer ins Wasser warf und mich unmittelbar schuldig fühlte, weil ich die spiegelglatte Oberfläche des Sees durchbrochen hatte, als hätte ich etwas Verbotenes getan, etwas, das Konsequenzen haben würde.“

Vidar Åkeby ist der Protagonist von Schulmans aktuellen Roman, der in eine der Leserschaft schon in Teilen bekannte Vergangenheit eintaucht. Der Mittvierziger lebt allein in Stockholm und arbeitet als Lehrer. Bei einem Streit unter Schülern greift er schlichtend ein und es kommt zu einer folgenschweren Aktion, die Vidar erst nach und nach begreifen wird. Als er nach seiner Freistellung im Keller nach einer Winterjacke sucht, um endlich auch die verwesende Ratte zu entfernen, die schon seit längerem von der Hausgemeinschaft angemahnt wurde, findet er in einem Umzugskarton die Telefonnummer des Sommerhauses der Familie. Er beschließt diese zu wählen und hat plötzlich seinen verstorbenen Vater in der Leitung ...

Von nun an ruft Vidar jeden Tag einmal im Sommerhaus an und landet, wie er nach und nach herausfindet, an jenem verhängnisvollen 17. Juni 1986, der solche Auswirkungen auf sein gegenwärtiges Leben hat. Abwechselnd spricht er mit seinem jüngeren Ich, seiner Mutter, der Schwester oder dem Vater. Langsam verbinden sich die Puzzleteile um die von Schweigen umhüllte traumatische Lücke. Während Vidars Schwester die Vergangenheit hinter sich gelassen und eine Familie gegründet hat, sagt Vidar über sich: „… ich kreiste permanent so nahe um das Geschehen wie möglich.“

So wie sein Protagonist wird auch Alex Schulman immer wieder vorgeworfen, dass sein einziges Thema seine eigene Kindheit und Jugend zu sein scheint. Bereits in seinem Debüt „Die Überlebenden“ spielt ein Sommerhaus eine wichtige Rolle, mit der Lebensgeschichte dreier Brüder und ihrem Verhältnis zur Mutter. Das Heranwachsen in einer dysfunktionalen Familie, die geprägt ist durch transgenerationale Traumata bis hin zur Alkoholkrankheit der Mutter. Auch hier wird eine Mutter gezeigt, die im Pflegeheim lebt, jedoch weitgehend verstummt ist. Eine abwesende Mutter, die auch in der letzten Phase ihres Lebens keine Schuld zu empfinden scheint. Eine Mutter, die über ihren Sohn sagt: „… als Kind hätte man mein Gesicht nur als Mutter lieben können.“ Schulman hat sein Thema gefunden und schafft es immer noch, auf spannende Weise seine Archäologie der Erinnerung voranzutreiben.
Julie August

Schulman, Alex - Jetzt beginnt das Leben
Roman. München: dtv 2026. 352 S. - fest geb. : € 24,70 (DR) ISBN 978-3-423-28579-7 Aus dem Schwed. von Hanna Granz

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