Seethaler, Robert - Die Straße
Gelesen von Matthias Brandt.
Robert Seethalers erzählt in „Die Straße“ nicht die Geschichte einer einzelnen Hauptfigur, sondern die eines ganzen Ortes, genauer: einer unscheinbaren Straße irgendwo zwischen Zentrum und Stadtrand. Für ein Jahr begleitet der Roman die Menschen, die dort leben, arbeiten, hoffen, lieben, scheitern oder einfach weitermachen.
Gerade diese Konzeption macht den Reiz des Buchs aus. Seethaler verzichtet auf eine klassische, durchgehende Handlung und baut stattdessen ein Mosaik aus Stimmen, Beobachtungen und kurzen Lebensmomenten. Da ist ein Junge mit Wut, eine Blumenhändlerin mit unerfüllter Sehnsucht, eine Heimleiterin voller Einsamkeit und ein Geistlicher, der selbst den Halt verliert. Vieles bleibt nur kurz angedeutet, doch genau dadurch wirkt es oft echter als breit erzählte Lebensgeschichten.
Die Sprache ist schlicht, ruhig und sehr genau. Robert Seethaler braucht keine großen Effekte, um Nähe zu erzeugen. Manchmal kann diese Zurückhaltung auch distanzierend wirken und wer eine klare Handlung erwartet, könnte das Geschilderte als etwas sprunghaft empfinden, da die Figuren einfach auftauchen und wieder verschwinden. Nicht jede Geschichte bekommt den gleichen Raum.
Matthias Brandt liest unaufgeregt, warm und präzise, macht aus den vielen Stimmen kein übertriebenes Hörspiel, sondern lässt die leisen Verschiebungen im Ton wirken. Gerade dadurch passt seine Interpretation gut zu Seethalers Art des Erzählens. Ein stilles, fein beobachtetes Hörbuch über Alltag, Einsamkeit und das, was Menschen miteinander verbindet, obwohl sie oft kaum etwas voneinander wissen. Ein Werk, das noch lange nachhallt.
Peter Klein
Seethaler, Robert - Die Straße
Roman. Gelesen von Matthias Brandt. Hörbuch Hamburg 2026. 4 CDs. 249 Min. € 24,70 ISBN 978-3-95713-331-1