Sironic, Fiona - Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft

Sironic, Fiona - Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft

Veröffentlicht am 29.12.2025

Ein Roman über Mädchen, die Vögel zählen, Festplatten sprengen, sich verlieben, das Internet lieben und zugleich hassen.

Der Debütroman der Wahl-Wienerin Fiona Sironic hat es gleich einmal auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2025 geschafft und wurde bei der Preisverleihung im Oktober entsprechend gewürdigt. Auch große Namen der deutschsprachigen Literaturkritik zeigen sich voll des Lobes für diesen Roman, der eine Vielzahl zeitgeistiger Themen in rasanten Sprüngen aufgreift, sie in einer unbestimmten, nahen Zukunft ansiedelt und davon in einer modernen, präzisen Sprache erzählt – ganz ohne jedes Moralisieren. Verhandelt werden unter anderem das Phänomen der Influencer:innen und die allgegenwärtige Dokumentationssucht im Internet, die Folgen der Erderwärmung, Wald- und Artensterben, queere Liebe, Coming of Age, weibliche Wut und Versuche der Selbstermächtigung, und vermutlich ließe sich diese Liste noch mühelos verlängern. Die zentrale Frage lautet daher: Wie verbindet die Autorin diese Vielzahl an Themen zu einem stimmigen Ganzen?

Sironic beantwortet diese Frage, indem sie die 15-jährige Ich-Erzählerin Era in den Mittelpunkt stellt. Era dokumentiert das fortschreitende Artensterben von Vögeln obsessiv und bewusst analog mit Zeichnungen und Notizbüchern. Sie lebt am Waldrand in der Nähe einer Kleinstadt, die von Klimawandel und Digitalwahn dystopisch geprägt ist. Aus der gemeinsam besuchten Schule kennt sie die beiden Wutschwestern Maja und Merle, deren Internet-Videostreams von kleinen Sprengaktionen in einem angrenzenden Waldstück sie gleichermaßen verstören wie faszinieren.

Die Mütter der beiden Schwestern sind erfolgreiche Influencerinnen, die ihre Töchter von Kindesbeinen an im Netz „vermarktet“ haben. Aus der Wut über diese digitale Vereinnahmung heraus beginnen Maja und Merle, ihre Zerstörungsaktionen auszuweiten: Zunächst explodieren Festplatten mit archiviertem Bildmaterial aus der eigenen Kindheit, später wird die digitale Welt insgesamt zum Feindbild. Zwischen Era und Maja entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die ebenso zart wie unsentimental erzählt wird. Es ist eine Liebe, die von Beginn an unter dem Vorzeichen einer ungewissen Zukunft steht und folgerichtig kein klassisches Happy End verspricht.

Kurz gesagt: ein Buch über Mädchen, die Vögel zählen, Festplatten sprengen, sich verlieben, das Internet lieben und zugleich hassen und dabei ganz nebenbei versuchen, in einer kaputten Welt erwachsen zu werden – laut, wütend, verletzlich und erstaunlich klarsichtig. Für eine jüngere beziehungsweise junggebliebene Leserschaft mit wachem Sinn für zeitgenössische Literatur ist „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“ aus meiner Sicht ein absolut empfehlenswerter Titel.
Gerald Wödl

Sironic, Fiona - Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft
Roman. München: Ecco 2025. 208 S. - fest geb. : € 24,95 (DR) ISBN 978-3-7530-0106-7

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