Steinfest, Heinrich - Die Linkshänderinnen
Novelle um das bizarre Szenario des spurlosen Verschwindens zweier Seminargruppen.
Die Novelle ist – zumindest nach meinem Eindruck – eine in der heutigen Literaturlandschaft eher selten gewordene Form. Sie definiert sich klassisch durch die Behandlung eines außergewöhnlichen, ja oft neuartigen Ereignisses in Prosa, fokussiert auf eine überschaubare Anzahl von Handlungsträgern und bewegt sich im Umfang zwischen einer Kurzgeschichte und einem Roman. Genau in diese traditionsreiche Gattung fügt sich das schmucke Büchlein „Die Linkshänderinnen“ des österreichischen Erfolgsautors Heinrich Steinfest nahtlos ein.
Auf rund 140 Seiten entfaltet Steinfest das bizarre Szenario des spurlosen Verschwindens zweier französischer Seminargruppen: zum einen Florist:innen, zum anderen Psychoanalytiker:innen. Insgesamt 35 Personen scheinen nach einem gemeinsamen Besuch in der jüngst erst eröffneten Cocktailbar „Elsbeths Hoffnung“ wie vom Erdboden verschluckt. Das Etablissement wird von den drei titelgebenden Linkshänderinnen Nora, Tilda und Ruth geführt. Ihre Verbindung ist ebenso skurril wie schicksalhaft: Sie lernten einander aufgrund spezieller Vorfälle bei einem Interkontinentalflug kennen. – Lange bleibt im Dunkeln, ob es sich bei dem Vorfall der verschwundenen Personen um ein Verbrechen, einen Unfall oder ein allgemeines Mysterium handelt. Welche Rolle der äußerst gesittete Barbesuch der beiden so unterschiedlichen Personengruppen dabei spielt, bleibt Teil des Rätsels.
Heinrich Steinfest, bereits zweimal für den Deutschen Buchpreis nominiert, versteht es meisterhaft, diese eigentlich völlig groteske Ausgangssituation in eine wunderbar kurzweilige und unterhaltsame Novelle zu verwandeln. Die Chemie zwischen den drei sehr unterschiedlichen Frauen, die Atmosphäre der Bar und die Absurdität der Situation werden vom Autor mit großem Einfühlungsvermögen geschildert. Gewiss schleichen sich in die Konstruktion der Geschichte hie und da kleine Logikfehler ein, die der aufmerksame Leser bemerken wird. Doch betrachtet man diese als charmante Unebenheiten einer bewusst surrealen Erzählung, verliert das Buch nichts von seinem Reiz. Vielmehr hält man ein Stück leichter, aber dennoch gewinnbringender Literatur in Händen. Es ist die perfekte Sommerlektüre, die jedoch keineswegs an die Jahreszeit gebunden ist und daher auch im Frühling, Herbst oder Winter einen hervorragenden Zeitvertreib bietet. Steinfest beweist mit dieser Novelle, dass weniger oft mehr ist und dass auch das Absurde seinen ganz eigenen Reiz haben kann.
Gerald Wödl
Steinfest, Heinrich - Die Linkshänderinnen
Novelle. München: Piper 2026. 144 S. - fest geb. : € 18,50 (DR) ISBN 978-3-492-07425-4