Stift, Linda - Das Meer hat keine Scheibe
Ein Roman von zwei Frauen, zwei Söhnen, von Herkunft und Gegenwart, von Kindheit und dem langen Irrtum, man könne irgendwann erwachsen sein.
Es gibt Bücher, die wollen etwas von einem. Aufmerksamkeit zum Beispiel. Zustimmung. Begeisterung. Am besten schon auf Seite sieben, damit die Sache nicht unnötig lange dauert. „Das Meer hat keine Scheibe“: man kann nichts draufstellen. Keine Vase, kein Glas, keinen Titel; sie kann aber zerbrechen, auslaufen, eine Flut auslösen und mehr.
Linda Stift erzählt von zwei Frauen, zwei Söhnen, von Herkunft und Gegenwart, von Kindheit und dem langen Irrtum, man könne irgendwann erwachsen sein. Man könnte daraus einen Stammbaum machen. Oder eine Familienaufstellung. Beides würde dem Roman schaden. Denn Menschen sind keine Übersicht. Sie sind eher das Gegenteil davon. Sie essen und trinken und arbeiten und schlafen. Sie bekommen Kinder und verlieren welche. Sie sind neidisch, traurig, verliebt, erschöpft und manchmal alles gleichzeitig. Sie gehen zum Kindergeburtstag und in den Swingerclub. Sie haben Hunde und Nachbarn und Geheimnisse. Sie machen Fehler, von denen sie wissen, dass es Fehler sind, und andere, bei denen sie es erst Jahre später erfahren.
So ist das eben. Das Bemerkenswerte ist, wie wenig bemerkenswert der Roman all das erzählt. Kein großes Leuchten über dem Elend. Keine Musik, wenn jemand leidet. Kein erhobener Zeigefinger, der einem vorsagt, an welcher Stelle man betroffen sein soll. Die Sprache bleibt dort, wo die Menschen sind. Beim Frühstück. Im Bett. Auf der Straße. Im Kopf. Und manchmal am Boden. 34 Kapitel hat das Buch. Man könnte sagen: 34 Stationen. Man könnte auch sagen: 34 Versuche, das Leben nicht zu ordnen. Beides wäre schon wieder zu viel Ordnung. Die beiden Frauen gehen zunächst nebeneinanderher, ohne voneinander zu wissen. Auch das ist sehr wirklich. Die meisten Menschenleben treffen sich ja nicht dort, wo ein Roman es praktisch fände. Dann geschieht es doch. Nicht als Erlösung, eher wie ein Riss, den man vorher schon gesehen hat, aber für einen Kratzer hielt. Plötzlich verändert sich das, was man gelesen hat. Nicht die Geschichte, nur der Blick darauf. Das ist eine ungewohnte Qualität.
Ein Buch, das nicht lauter werden muss, um nachzuwirken. Das Meer hat keine Scheibe. Vielleicht ist das die eigentliche Sache. Und vielleicht ist das genau die Ursache, warum dieses Buch so lange innehält.
Rudolf Kraus
Stift, Linda - Das Meer hat keine Scheibe
Roman. Innsbruck: Limbus 2026. 204 S. - fest geb. : € 20,00 (DR) ISBN 978-3-99039-280-5