Strunk, Heinz - Zauberberg 2

Strunk, Heinz - Zauberberg 2

Veröffentlicht am 25.02.2025

Originelle und humorvolle Hommage auf Thomas Mann.

„Jeder würde natürlich sagen, dass ich schwerst depressiv bin, ich bin mir da allerdings nicht so sicher. Beim Körpergewicht gibt es angeblich die Setpoint-Theorie, die besagt, dass das Gewicht genetisch bestimmt und der Körper so reguliert ist, diesen Sollwert zu erhalten; der Grund, weshalb Dicke hungern können, so viel sie wollen. Die Theorie ist umstritten, aber mir scheint sie plausibel. Ich glaube, dass es bei der Seele ähnlich ist. Die einen wissen gar nicht, wohin vor lauter Lebensfreude und die trüben Tassen trüben immer wieder ein.“ Jonas Heidbrink, wohlhabend durch IT-Entwicklung und als Startup-Gründer am Rande der Erschöpfung, sucht Zuflucht in einer Klinik an der polnischen Grenze.

Dass Heinz Strunk im Vorfeld zur Arbeit an diesem Roman das Werk Thomas Manns gelesen hat und dass dieses Buch zum Jubiläum erscheint, ist sicher kein Zufall. Schon früh findet sich in seinen Notizen die Idee für eine Hommage an den Autor, wie er in einem Interview sagt. „Ein Sommer in Niendorf“ wurde schon in Verbindung mit Manns „Der Tod in Venedig“ gebracht. Dass dies nicht beabsichtigt war, nimmt man dem sympathischen Autor gerne ab. Durch seinen Witz, gepaart mit Klugheit und einem natürlichen Talent für das Groteske, nimmt er seit Jahren eine Sonderstellung im deutschsprachigen Literaturbetrieb ein. Umso neugieriger wurde seine Interpretation unter den vielen des Jubiläumsjahres erwartet.

Überraschend ist, wie zufällig und beiläufig die Figuren wirken, die Strunk auf der Sanatoriumsbühne auftreten lässt. Einzig der 80-jährige Klaus, der dabei ist, sich zu Tode zu saufen und zu rauchen, hat eine Dauerkarte für das Zimmer unter Heidbrink und erinnert sofort an eine Figur aus dem 1924 erschienenen titelgebenden Roman. Jeder hat in diesem Roman irgendwie einen Hau und auch Heidbrink weist dies nicht von sich. Zwischen den strukturgebenden Mahlzeiten wechseln sich Einzel- und Gruppentherapie, Kunst- und Musiktherapie ab und werden die Medikamentenpläne diskutiert. Strunk kommentiert in seiner ihm eigenen Weise eine erschöpfte Gesellschaft, die nach Zufriedenheit und Seelenwohl sucht, was jeder ganz anders für sich interpretiert. Die eigenen körperlichen Regungen und Stimmungen werden minutiös studiert, Neuankömmlingen neugierig beäugt.

Auf eine Persiflage hat es Strunk nicht angelegt, vielmehr ist es auch ein Kommentar auf die neue Empfindsamkeit und das Achtsamkeitsdiktat. Sein schwermütig, melancholischer Jonas stolpert durch die Tage und bleibt natürlich im Sanatorium länger als gedacht. Es führt zu nichts, aber zumindest wieder raus in die Unwegsamkeit des Lebens und die kann Strunk auf sehr originelle und humorvolle Weise beschreiben. Im Abschlusskapitel „Kirgisenträume“ montiert Strunk zu guter Letzt noch Zitate aus „Der Zauberberg“ zu einem zusammenhängenden Text. Kleine Anmerkung: Diese Zeit wäre sicher noch gut in die Arbeit in die Reinschrift des Romans investiert gewesen und hätte den Roman zu einem noch gelungeneren Lesevergnügen gemacht.
Julie August

Strunk, Heinz - Zauberberg 2
Roman. Hamburg: Rowohlt 2024. 288 S. - fest geb. : € 26,50 (DR) ISBN 978-3-498-00711-9

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