Szalay, David - Was nicht gesagt werden kann
Eine klassische Geschichte eines durchschnittlichen, unscheinbaren Mannes, der zu sich nur über andere wird.
„‚Geht es dir gut?’, fragt sie. Ihr sanfter, milder Tonfall überrascht ihn. ‚Ja’, sagt er. ‚Was vorhin passiert ist’, sagt sie. ‚Ich will nur, dass du weißt – das ist in Ordnung. Sollst du dich schämen oder so, dann wäre es unnötig. Alles in Ordnung.’ Er sagt nichts dazu. ‚Das sollst du wissen’, ergänzt sie. ‚Das war’s schon.’ ‚Okay’, sagt er. ‚Okay’, sagt sie, und er schließt die Tür.“ István wird als Teenager von einer älteren, verheirateten Nachbarin verführt. Er wächst im Budapester Plattenbau bei seiner Mutter auf und weiß nicht so recht, was er mit seinem Leben anfangen soll.
Die Nachbarin wird irgendwann einmal ihre Affäre beenden, was erstmals bei István zu einem folgenschweren Gewaltausbruch führt. Jugendgefängnis, Militär, Kriegseinsatz, Traumatisierung, Aufbruch in den Westen ins kapitalistische Epizentrum London, wo er eine Schattenexistenz führt. Er wird Türsteher und durch einen Zufall folgt der Aufstieg zu einem privaten Securitydienst für eine millionenschwere Familie. Affäre mit der Ehefrau, Leben in der High Society, Verlust von Frau und Kind, Rückkehr nach Budapest, Pflege der Mutter bis zu ihrem Tod. So sind kurz zusammen gefasst die Zäsuren in diesem Männerleben.
Die am Beginn stehende Verführung durch die ältere Frau wird seine Leben und sein Verhältnis zu Frauen für immer prägen und ein emotionales Grundmuster in Szalays Antihelden verfestigen. Auch die erste, unerfüllte Liebe zu einer Gleichaltrigen wird unerfüllt bleiben und zukünftige Beziehungsmuster bestimmen. Szalays István ist und bleibt eine Projektionsfläche, eine Hülle von menschlichen Vorstellungen, die im Kern von weiblichen Fantasien gefüllt wird. Eine klassische Geschichte eines durchschnittlichen, unscheinbaren Mannes, der zu sich nur über andere wird. Der fehlende Vater, der eigentliche Missbrauch durch die ältere Frau bilden Stoff für Spekulationen, was ihn zu etwas gemacht hat, was er in Folge ist oder verkörpert. Die anderen denken, dass er István verkörpert.
David Szalay hat diese Geschichte, wie er in Interviews immer wieder sagt, nicht als großen Roman angelegt, was er auch nicht ist, aber trotzdem dafür den Booker Prize 2025 erhalten. Der Roman löst ein, was er im Kern erzählt. Er wird in seiner scheinbaren Banalität und Einfachheit wie sein Protagonist zu einer Projektionsfläche für ein gesellschaftliches Unbehagen und für Fragen gegenwärtiger Identitätsbildung.
Julie August
Szalay, David - Was nicht gesagt werden kann
Roman. Berlin: Claassen 2026. 384 S. - fest geb. : € 25,70 (DR) ISBN 978-3-546-10150-9 Aus dem Engl. von Henning Ahrens