Tafler, Stefan - Liebe der Armen
Wiederentdeckter Roman aus der Wiener Vorstadt.
„Samstag ging es bei den Pluhaks immer hoch her. Da flossen die schwer erarbeiteten Wochenlöhne zusammen und man konnte sich nun einen oder Tage lang der Illusion hingeben, man könne sorgenlos leben. Schließlich war es auch gleichgültig, ob man mit dem Geld einen Tag mehr oder weniger auskam – für die ganze Woche reichte es ohnehin nicht aus. Und dabei verdiente sowohl der Pluhak als auch seine Frau, er als Dachdecker, sie als Hilfsarbeiterin auf Bauplätzen; und auch Frau Pluhaks älterer Sohn aus erster Ehe, der Vickerl, der mit seiner Geliebten das Kabinett bewohnte, trug zum Haushalt bei. Er war Fensterputzer.“ 1931 erscheint der Roman über die Geschichten und das Leben der Bewohner eines Wiener Zinshauses im 8. Wiener Bezirk im Jahr 1914.
Stefan Tafler porträtiert darin die Menschen aus der Vorstadt, ohne ein Schicksal davon besonders hervorzuheben: ihre Liebeleien, Wünsche, Lügen, Verwicklungen. Er erfasst darüber die Stimmung der Zeit und die Lebenswirklichkeiten von Frauen und Männern, prekäre Wohnsituationen, gesellschaftliche und politische Stimmung und soziale Notlagen werden daraus ersichtlich und rückblickend auch die aufkeimenden Tendenzen nachvollziehbar. Es ist dem Leben abgeschaut von einem, der um die Nöte und den Kummer der Benachteiligten weiß.
Tafler, einer jüdischen Familie entstammend, wächst in der Blüte jüdischen Lebens in Wien der 1880er Jahre auf. Ein Fahrrad-Unfall mit dreizehn Jahren, bei dem er seinen linken Arm verliert, wird sein Leben und Wirken fortan bestimmen. 1921 erscheint sein weitgehend autobiografischer Roman „Der Krüppel“ in Albert Ehrensteins Reihe „Die Gefährten“ und erhält seine Aufmerksamkeit – Alfred Döblin erwähnt es in seiner Rolle als Psychiater in einer Rede. Die Stimmung im Land verändert sich und Tafler kämpft mit gesundheitlichen Komplikationen. Er engagiert sich bei der „Ersten österreichischen Krüppelarbeitsgemeinschaft“, der ersten Selbsthilfegruppe für Menschen mit körperlichen Behinderungen, aus denen sich weitere Organisationen entwickeln.
Unter dem Pseudonym Milde, dem Mädchennamen seiner Frau, werden weitere Texte erscheinen. Der Bund der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Österreichs führt ihn als Mitglied ebenfalls unter dem Namen Stephan Milde, wie Maik Baumgärtner in seinem Nachwort recherchiert hat. Seine Bücher werden wie vieler seiner Zeitgenossen verboten. Trotz seiner Verbindungen zu namhaften Kollegen seiner Zeit wird zwar seine Frau mit falschen Papieren überleben, er jedoch nicht ins Ausland fliehen können und letztlich in Ausschwitz getötet worden oder verstorben sein. Sein Roman „Liebe der Armen“ ist eine lesenswerte Wiederentdeckung.
Julie August
Tafler, Stefan - Liebe der Armen
Roman. Wien: Milena 2026. 280 S. - fest geb. : € 26,00 (DR) ISBN 978-3-903460-51-5