Thurnher, Armin - Unsternstunden der Menschheit
Wie die Welt unerträglich wurde.
Stefan Zweigs vielbeachtetes Werk „Sternstunden der Menschheit“, eine ab 1927 erschienene Sammlung von Erzählungen, beschreibt in literarischer Form historische Begebenheiten, die seiner Meinung nach den Lauf der Menschheitsgeschichte von der Antike bis ins frühe 20. Jahrhundert maßgeblich beeinflusst haben. Er versteht den Begriff „Sternstunden“ als historische Kulminationspunkte, in denen sich Geschichte in einem einzigen, oft dramatischen Augenblick entscheidet. Diese Momente können schöpferisch, tragisch oder auch katastrophal sein.
Diesem großen Vorbild eifert Armin Thurnher, Publizist und Herausgeber der Wiener Stadtzeitung „Falter“, mit seinem neuen Buch „Unsternstunden der Menschheit“ nun in kontrastierendem Sinne nach. Er wählt subjektiv 30 Schlüsselmomente der jüngeren Geschichte (Zeitraum 1947 bis 2025) aus, um kritisch-analytisch ihre fatalen und/oder zerstörerischen Konsequenzen für die Entwicklung der Welt zu untersuchen. Insbesondere richtet er hierbei seinen Blick auf Krisen und Fehlentwicklungen in den Bereichen Medien, Politik und Gesellschaft. Und an solchen herrscht ja wahrlich gerade kein Mangel.
So erfährt man in diesem unglaublich akribisch und detailreich recherchierten Buch absolut wissenswerte Fakten über so unterschiedliche Ereignisse wie die Entstehung des Neoliberalismus, Hans Dichands „Kronen Zeitung“, den Aufstieg Donald Trumps, den Siegeszug des Internets, Herbert Kickl und seine Medienstrategie, den Aufstieg von Facebook unter Mark Zuckerberg, das Social-Credit-Programm der Volksrepublik China, die Machtübernahme von Kurz in der ÖVP, die Coronapandemie, den Sturm auf das Kapitol in Washington, Putins Überfall auf die Ukraine, den Hamas-Überfall auf Israel und viele mehr.
Thurnher schreibt im Vorwort seines Buches resümierend: „Stefan Zweig suchte, bereits verfolgt vom ihn umgebenden Dunkel des Nationalsozialismus, ‚jene Ereignisse, die Entscheidungen für Jahrzehnte und Jahrhunderte‘ prägen. Diese seltenen Augenblicke, so hoffte er, würden ‚leuchtend und unwandelbar wie Sterne die Nacht der Vergänglichkeit überglänzen‘ und das Leben der Menschen für immer erhellen. Die Unsternstunden, ebenfalls das Leben der Menschen prägend, mögen in einem anderen Licht verdämmern, hofft seinerseits der Autor. Das Unheil, das sie stiften, möge die Menschheit anregen zu phantasievollem Widerstand, zu moralischer Standhaftigkeit und zur Verteidigung der Wahrheit.“ Möge die Übung gelingen!
Gerald Wödl
Thurnher, Armin - Unsternstunden der Menschheit
Wie die Welt unerträglich wurde. Wien: Zsolnay 2026. 304 S. - fest geb. : € 28,95 (GP) ISBN 978-3-552-07619-8