Tollkien, Lilli - Mit beiden Händen den Himmel stützen

Tollkien, Lilli - Mit beiden Händen den Himmel stützen

Schonungslose Auseinandersetzung mit der Vernachlässigung und dem Missbrauch in ihrer Kindheit und Jugend.

Es ist keine leichte Lektüre, die Lilli Tollkien den Leserinnen und Lesern in ihrem Debütroman zumutet, nicht weil sie sprachlich so anspruchsvoll wäre, sondern weil die Handlung unter die Haut geht und es während des Lesens kaum Gelegenheit zum Aufatmen gibt.

Lale, die Ich-Erzählerin, muss gleich nach der Geburt im Winter 1980 einen Entzug durchstehen, weil ihre Mutter auch während der Schwangerschaft nicht auf Drogenkonsum verzichten konnte. Als das Baby eineinhalb Jahre alt ist, wird der Mutter das Sorgerecht genommen und Lale kommt für ein Jahr in ein Kinderheim, denn ihr Vater sitzt wegen eines Banküberfalls im Gefängnis. Dann meldet sich Karlheinz, ein Freund des Vaters, mit seiner derzeitigen Partnerin beim Jugendamt und holt Lale als Pflegekind zu sich. Aber es sind keine geordneten Verhältnisse, in denen Lale jetzt aufwächst, sondern eine anarchistische Männerkommune in Neukölln, in der wilde Partys gefeiert werden, bis in den Nachmittag Räusche ausgeschlafen werden und auf die bürgerliche Gesellschaft geschimpft wird. 

Als nach einem Jahr auch der aus der Haft entlassene Vater in die Männer-WG zieht, darf das den Behörden nicht gemeldet werden, sonst würde Karlheinz das Pflegegeld für Lale verlieren. Die drogenkranke Mutter sieht das Mädchen kaum, manchmal darf sie ihr einen Besuch im Gefängnis abstatten, wenn diese wegen Beschaffungskriminalität wieder einsitzen muss. In all dem Chaos, inmitten der Gefahren, inklusive sexuellem Missbrauch, denen das Kind ausgesetzt ist, bietet die Schule einen Anker, der ihr Normalität, klare Regeln und Anerkennung für gute Noten bietet. Lale schafft es aufs Gymnasium, doch mit 12 beginnt sie zu rauchen, mit 13 konsumiert sie Drogen und verliert den Anschluss in der Schule, sodass ein Wechsel in die Hauptschule unausweichlich ist.

Mit 14 zieht Lale in eine Mädchen-WG, mit 16 in eine eigene Wohnung und dazwischen stirbt ihre Mutter. Auf der Gesamtschule schafft sie zwar das Abitur, beginnt danach viele Ausbildungen und Studien, kann aber nichts zu Ende bringen. Zu sehr beherrschen sie Furcht, Scham und Ekel, dazu auch Wut, die sie tief in sich begräbt, und der dringende Wunsch, jemand anders zu sein, nicht sie selbst.

Gäbe es nicht die vereinzelten Ausblicke auf Lales Zukunft, in der sie liebevolle Mutter von zwei Kindern ist, man würde die Hoffnung verlieren, dass diese junge Frau die Kraft findet, ihr Leben in die Hand zu nehmen und sich eine gesunde Existenz aufzubauen. Es ist das Schreiben, das Lale ihren Weg finden lässt, die schonungslose Auseinandersetzung mit ihrer Kindheit und Jugend, in der sie vernachlässigt, missbraucht und viele Male verlassen wurde.

In jeder Bibliothek sollte zwischen eingängiger Unterhaltungsliteratur und spannenden Krimis auch für herausfordernde Bücher wie dem von Lilli Tollkien Platz sein.
Ida Dehmer

Tollkien, Lilli - Mit beiden Händen den Himmel stützen
Roman. Berlin: Aufbau 2026. 255 S. - fest geb. : € 24,70 (DR) ISBN 978-3-351-04284-4

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