Travnicek, Cornelia - Ich erzähle von meinen Beinen
Roman darüber, wie man mit ADHS den Familienalltag bewältigt.
Es beginnt bereits im Kindesalter und kann auch in das Erwachsenenalter übergreifen! Man ist unaufmerksam, impulsiv, in allen Lebenslagen hyperaktiv, leicht ablenkbar im Alltagsgeschehen, leicht vergesslich, bei der Erledigung alltäglicher Aufgaben tut man sich schwer, diese zu strukturieren, handelt oft völlig übereilt, ohne viel Nachzudenken, reagiert in vielen Situationen ungeduldig und hektisch und ist erkennbar von einer körperlichen Unruhe geprägt. Kurz: Man wird mit ADHS diagnostiziert! Dieser Begriff steht für eine „Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung“. Ein heutzutage oft gehörtes und publiziertes Reizthema. Vor allem im sensationslüsternen Blätterwald. Offenbar ein „Kainsmal“ unserer heutigen schnelllebigen Gesellschaft.
„In meinem Kopf rauscht manchmal das Meer. Weht ein Wind durch die Palmen und die Latten einer Holzwand. Ich vertreibe diese Gedanken. Das ist alles auch nur einfacher, solange man nicht genauer darüber nachdenkt. Ich sollte nachdenken und aufschreiben, wofür ich dankbar bin ...“ Cornelia Travnicek bietet uns in diesem Buch eine mehr als berührende, aber auch zutiefst erschreckende, realistische Einschau in eine heute gängige aufgesetzte, und innerhalb der Familienmitglieder vorgegaukelte „moderne Familienidylle“.
Wortgewaltig schildert sie deren Alltagsablauf, geht tiefgreifend und feinfühlend auf die seelischen Befindlichkeiten einer Frau im mittleren Alter ein. Diese Hausfrau, namens Wally, teilbeschäftigt im journalistischen Umfeld, Mutter einer Tochter und einfühlsam bemühte, liebende Ehefrau. Vordergründig scheint Wally ihr Leben und jenes ihrer Familie im Griff zu haben. Allerdings ein großes Problem: Bei Wallys Tochter wurde ADHS diagnostiziert. Nach einem unvorhersehbaren Krankenhausaufenthalt besinnt sich Wally plötzlich ihrer eigenen psychischen Schwächen: Unkonzentriertheit, die Unmöglichkeit, begonnene Arbeiten oder Aufgaben ordnungsgemäß abzuschließen, Hyperaktivität, irrationale Ängste, kein erkennbares Lebenskonzept, unbegründete Sorgen über Verluste, die nicht eingetreten sind, Kontaktprobleme in zwischenmenschlichen Beziehungen: „Früher, da wollte ich regelmäßig, dass sich etwas ändert an meinem Leben. Es heißt, wenn man Veränderung will, muss man nur damit anfangen ...“
Ja, vor einer derartigen Entscheidung steht wohl jede/jeder des öfteren von uns und es gilt wagemutig alle hinderlichen Probleme soweit wie möglich abzubauen oder in den Griff zu kriegen. Die Autorin gibt uns mit diesem auch teilweise humorvoll gehaltenen Buch reale Denkanstöße dazu. Man muss sich dieser nur, unter Bedachtnahme auf die eigene Lebenssituation (samt ihren Stolpersteinen) bewusst werden, stellen und handeln! Es muss nicht immer gleich ADHS sein. Mit diesem Roman halten Sie eine Lektüre mit ungeahntem Tiefgang in der Hand. Lassen Sie sich darauf unbedingt ein.
Adalbert Melichar
Travnicek, Cornelia - Ich erzähle von meinen Beinen
Roman. Wien: Picus 2026. 406 S. - fest geb. : € 26,00 (DR) ISBN 978-3-7117-2166-2