Vea Kaiser - In den Provinzen der Erinnerung
Ein Porträt der österreichischen Schriftstellerin Vea Kaiser. Von Christine Hoffer.
Bereits mit ihrem ersten Roman „Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ (2012), den sie im Alter von 23 Jahren veröffentlichte, avancierte Vea Kaiser zu einer der bekanntesten Autorinnen Österreichs. Und spätestens als ihr Zweitling „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“ erschien, der sich ebenso zum Bestseller entwickelte und in mehrere Sprachen übersetzt wurde, konnte man die junge Frau aus Niederösterreich plötzlich als neuen Shooting Star der Literatur auch in prominenten TV-Literatursendungen wie „Das literarische Quartett“ als Diskutantin vor der Kamera bewundern.
Geboren wird Verena Kaiser 1988 in St. Pölten und sie wächst in der niederösterreichischen Provinz auf, einer Gegend, die in der österreichischen Literatur oft als Gegenwelt zur Metropole Wien erscheint, und die den Bewohnern dieser Provinz oft als ein Raum der Nähe und der Kontrolle, mit ihren Gerüchten und Traditionen, ihren Eigenheiten und auch komischen Seiten erscheint. Dieses öfters als zurückgeblieben dargestellte Milieu wird in Vea Kaisers Roman nicht abwertend, sondern als ein soziales Universum mit eigener Prägung und Logik gezeichnet.
Es ist mehr als ein biografisches Detail, dass Vea Kaiser Klassische Philologie und Vergleichende Literaturwissenschaft studierte – dieser Hintergrund ist in ihr ihrem Erzählen spürbar. Sie versprüht ein deutliches Vergnügen an Mythos und Stofftraditionen, an genealogischen Verzweigungen, an Heldinnen und Helden, die eben keine reinen Heldinnen und Helden sind, sondern Figuren, die im Familiengedächtnis bisweilen zu Legenden werden. Sie spielt in ihren Texten immer wieder damit, wie „antike“ Muster in modernen Leben weiterleben, nicht als direkte Kopien, sondern gleichsam als Erzählenergie. Darüber hinaus sind ihren Szenen dramaturgisch stark mit Fokus auf Dialog, Timing und Auftritt gebaut.
Blasmusikpop
Bereits mit Anfang zwanzig erscheint Vea Kaisers Debüt „Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ (2012), der sie sofort bekannt macht und bereits viele ihrer späteren Markenzeichen in sich trägt. Im Mittelpunkt steht ein fiktives Bergdorf, das sich plötzlich mit der „Wissenschaft“ konfrontiert sieht. Was erst komisch wirkt, ist eigentlich ein ernstes Experiment: Wie reagieren geschlossene Gemeinschaften auf äußere Einflüsse? Wie werden Modernisierung, Bildung, neue Rollenbilder aufgenommen, abgewehrt, umgedeutet?
Der Roman arbeitet stark mit einer sogenannten Ensemble-Technik. Es gibt nicht die eine Hauptfigur, sondern eine Dorfgemeinschaft, in der jede und jeder mitredet, bewertet, lästert, sich erinnert. Kaiser zeigt, wie soziale Ordnungen in kleineren Räumen entstehen: nämlich über Tradition, über Musikvereine, über Familienbande und natürlich über das, was mit „Man kennt sich“ bezeichnet werden kann. Ihr Witz ist dabei oft durchaus liebevoll, aber nicht blind. Man merkt der Erzählerin an, dass sie die Mechanismen versteht, die Nähe in Kontrolle verwandeln können. Doch der Roman ist nicht bloß eine „Provinzsatire“. Es wird auch von Bildungshunger erzählt und davon, wer sich Wissen aneignen darf. „Wissenschaft“ ist hier nicht neutral, sondern hat soziale Voraussetzungen und Folgen. Sie verschiebt Hierarchien, zwingt Figuren, sich neu zu positionieren und genau daraus entsteht eine neue Dynamik, die das Dorf, die Provinz nicht als Kulisse, sondern als eine Art Labor beschreibt.
Die Handlung setzt im Bergdorf St. Peter am Anger im Jahr 1959 ein, als Johannes Gerlitzen nach der Geburt seiner Tochter Ilse das Dorf verlässt, um Doktor zu werden. Als er als ausgebildeter Arzt, nach Jahren zurückkehrt, beobachtet er das Heranwachsen des rebellischen und fantasiebegabten Buben Alois Irrwein, den er nicht mag. 1982 heiratet seine Tochter Alois und bekommt zehn Jahre später endlich ihr lang ersehntes Kind. Er kommt in eine Klosterschule, liest Herodot, den er durch seinen Großvater kennengelernt hat und will „Forscher werden und hinaus in die große Welt gehen, von der ihm Doktor Opa immer so viel erzählt hat“. Sein Leitspruch: „Es ist egal, woher du kommst. Es zählt nur, was du aus dir machst.“
In der Matura legt er sich mit seinen Prüfern an, als es um den Wahrheitsgehalt der Geschichtsschreibung geht, und fällt durch. Es ist eine der eindrucksvollsten Passagen des Romans. Er entgegnet: „Ich hab die Historien zwanzig Mal gelesen und kann die Passage sogar auf Griechisch rezitieren. Und wenn Kopernikus nachgegeben hätte, als man ihm die Folter androhte, weil er nicht davon abwich, dass die Erde rund sei, dann wären wir jetzt noch im Mittelalter!“ Dies beeindruckt die Gymnasiallehrer jedoch nicht und sie müssen, so meinen sie, „disziplinäre Umstände bei der Beurteilung der Prüfung miteinbeziehen“. Somit haben sich die Lebensträume des jungen Mannes in Luft aufgelöst. Er schreibt aus dem kleinen Bergdorf St. Peter lange Briefe an die älteren Freunde vom Digamma-Klub über seine Beobachtungen und alles, was ihm zustößt. Wobei es, so Thomas Rothschild („Die Presse“, 10.08.2012), „zu den Reizen des Romans gehört, dass Vea Kaiser in der Schwebe lässt, ob das Landleben tatsächlich nur aus Idiotie, aus fehlender Zivilisation besteht oder ob das die Perspektive eines arroganten, sich überschätzenden Strebers ist. Sie verteilt ihre leise Ironie auf beide Seiten und betrachtet die dörflichen Traditionen mit einem ethnologischen Blick und setzt zugleich den Ethnologen möglichem Spott aus. Dieser Johannes A. Irrwein hat etwas von einem modernen Don Quijote.“ Es ist, so Thomas Rothschilds Fazit, „ein Roman über den Gegensatz von Stadt und Land, von ‚Zivilisation‘, oder was viele dafür halten, und ‚Barbarei‘, aber es ist auch ein Roman über einen Außenseiter, einen Spinner, der sich nicht anpassen will, der Facebook und Twitter natürlich ebenso ablehnt wie Skype und Mobiltelefon – und das macht ihn wiederum sympathisch. Vor allem aber ist ‚Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam‘ eine süffige Lektüre.“
Makarionissi
Der große mediale Moment kam früh, bereits mit Anfang zwanzig werden ihre Bücher vielbesprochen und -gelesen. Das hat oft zwei Effekte: einerseits den schnellen Ruhm, andererseits die Gefahr, auf ein Image reduziert zu werden, etwa „die junge Autorin mit dem Witz“. Doch Vea Kaiser wehrt sich dagegen, weil ihre Bücher zwar humorvoll sind, aber in ihren Themen nicht leicht. Mit „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“ (2015) weitet sie den Raum. In ihrem zweiten Roman geht es um eine besondere Familiengeschichte. Sie beginnt in einem kleinen Bergdorf an der albanisch-griechischen Grenze knapp nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und endet in der Gegenwart. Die Handlung des Buches findet an vielen unterschiedlichen Orten statt, von der kleinen griechischen Insel bis zur amerikanischen Großstadt. Die verschiedenen Orte werden dabei sehr originell dargestellt und immer wieder werden kleine Geschichten erzählt, die einen hohen Unterhaltungswert aufweisen.
Die Handlung beginnt mit der Geburt von Eleni in einer durch den griechischen Bürgerkrieg gezeichneten Dorfgemeinschaft. Eleni lehnt sich schon früh gegen die ihr als Frau aufgezwungene Rolle auf und beschäftigt sich mit marxistischer Literatur. Nach dem Militärputsch verrät ein Mitglied des Dorfes Eleni an das Regime und sie muss ins Gefängnis. Ihrem Cousin Lefti, der seit jeher in sie verliebt ist, gelingt es Eleni zu entlasten, doch der Gefängnisdirektor verlangt, dass er sie heiratet und beide für die nächste Zeit aus Griechenland verschwinden. So heiratet Eleni also doch noch Lefti, so wie ihre Eltern es für sie geplant hatten.
Sie ziehen in eine deutsche Kleinstadt in Deutschland, leben sich nach und nach auseinander, denn Eleni will zurück nach Griechenland, während Lefti gerne in Deutschland bleiben möchte. Eleni hasst viele Dinge an Deutschland, doch am meisten hasst sie das deutsche Nein. Es ist ihr zu absolut – man kann nicht darüber diskutieren, es wird nicht begründet, selbst wenn das Nein keinen Sinn ergibt und jeder Vernunft widerspricht. Sie fragt etwa den Bäcker, ob er Weißbrot mit weniger Salz und weniger Gewürzen backen könne, nach typisch mediterraner Art – er sagt laut und deutlich, militärisch: „Nein geht nicht“. Lefti hingegen ist das genaue Gegenteil zu Eleni, er liebt die deutsche Pünktlichkeit, seine griechischen Kollegen meinen gar: „Er ist deutscher als die Deutschen“. Er versteht das als riesiges Kompliment. Schließlich tritt Fräulein Trudi Haselbacher in Leftis Leben. Und auch Eleni verliebt sich, doch ihr Glück bleibt unbeständig. So kehrt sie zurück nach Griechenland zurück, zieht dann nach Chicago, heiratet, bekommt eine Tochter, verlässt Amerika, verliert ihren Mann, sucht die Politik, findet unterschiedlichste Jobs. Allerhand Verwandte und Wahlverwandte tauchen auf und verschwinden wieder. Es bleibt turbulent bis zum furiosen Finale, zu dem sich alle wiedersehen: auf einer fiktiven Insel in der Ägäis namens Makarionissi. Auf der „Insel der Seligen“ – wo nach Hesiod die Götterlieblinge weilen. Diese Anspielung ist nur eine von vielen, die Geschichten, Schauplätze und Figuren des Romans mit der griechischen Sagenwelt verweben.
Rückwärtswalzer
Der Roman „Rückwärtswalzer oder Die Manen der Familie Prischinger“ (2019) kreist um die Familie Prischinger und ihre „Manen“, also die Geister der Vorfahren, die als Erinnerungs- und Erzählmacht in der Gegenwart weiterwirken. Ein sehr kaisertypischer Zugriff: Vergangenheit ist nicht vorbei, sie sitzt mit am Tisch, manchmal als Legende, manchmal als Schuld, manchmal als Humor.
Der 31-jährige Schauspieler Lorenz Prischinger steckt in einer schweren Lebenskrise. hat keinen Job, kein Geld und zu allem Überfluss hat ihn seine Freundin verlassen und dann stirbt auch noch überraschend sein Onkel Willi. Dieser aus Montenegro stammende Mann von Tante Hedi, hatte den großen Wunsch, in seiner Heimat begraben zu werden. Ein Wunsch, den Hedi sowie ihre beiden Schwestern Mirl und Wetti auch gerne nachkommen. Doch es fehlt das Geld für eine ordentliche Überführung und so überreden sie Lorenz zu einem 1000-Kilometer-Trip nach Montenegro. Zu fünft macht sich also die Familie Prischinger – der tiefgefrorenen Onkel Willi auf dem Beifahrersitz, die Tanten auf den Rücksitzen – im Fiat Panda auf den Weg nach Süden. Ein illegaler Leichentransport, der für die Protagonisten zu einer unvergesslichen Reise wird.
Die stimmig durchkomponierte und pointierte überbordende Familiengeschichte strotzt vor skurrilen Situationen und mit diversen Eigenheiten versehenen Figuren. In wechselnden Rückblenden rekapituliert die Erzählerin das Leben der Geschwister, die vaterlos in den 50er Jahren auf dem elterlichen Gasthof auf dem Land aufwachsen. Der „Rückwärtswalzer“ funktioniert als Bild für ein Leben, das sich nicht geradlinig vorwärts bewegt: Man kommt nicht einfach „weiter“, sondern man wird zurückgezogen, man wiederholt Muster, man tanzt mit der Geschichte, auch wenn man es nicht will. Jede Generation erzählt dabei die vorherige anders, manchmal um sich zu schützen, manchmal um sich zu erhöhen. In kleinen Dosen öffnet sich nach und nach so etwas wie ein österreichisches Familiengedächtnis: die kleinen Geschichten, die großen Verdrängungen, die Frage, was man über Krieg und Nachkrieg erzählt und was nicht.
Fabula Rasa
In ihrem bislang letzten Roman „Fabula Rasa oder Die Grenzen des Erzählens“ (2025) erzählt Vea Kaiser die Geschichte von Angelika Moser, inspiriert durch den realen Fall einer Sacher-Buchhalterin, die über einen längeren Zeitraum vier Millionen Euro veruntreut hat – aus Mutterliebe, wie Zeitungsmeldungen zu entnehmen war. Angelika ist in einem Wiener Gemeindebau aufgewachsen, ihre Mutter arbeitet als Hausmeisterin, ihren Vater kennt sie nicht, die anderen Kinder nennen sie „Bankert“. In den 1980er Jahren hat sie in den Kellerlokalen Wiens (U4 kommt auch vor) mit ihrer besten Freundin die Zeit ihres Lebens. Später wird sie Buchhalterin in einem Wiener Ringstraßenhotel und steigt schnell zur engen Vertrauten des Direktors auf. Der bittet sie einmal darum, ausnahmsweise etwas mit den Zahlen zu tricksen. So fällt ihr auf, wie leicht falsche Abrechnungen durchgehen und sie beginnt Gelder auf ihre Privatkonten zu überweisen.
"Fabula rasa" ist ein rasant erzählter, vielschichtiger Roman, eine Hotelgeschichte, angefüllt mit vielen authentischen Begebenheiten. Daneben wird aber auch über den alltäglichen Kampf einer Alleinerzieherin erzählt, von der fehlenden Kinderbetreuung bis zum Putzen für die unverschämte erste Freundin des halberwachsenen Sohns. Angelika rechtfertigt ihre Betrügereien damit, dass sie es vor allem für ihren Sohn macht.
Und: "Fabula rasa" ist auch ein Roman über die Lust an der Arbeit. Wenn ihre Probleme zu groß werden, fährt Angelika auch sonntags ins Büro, ordnet Papiere, schreibt Listen, schafft Klarheit. „Ich wollte einen Roman schreiben über eine Frau, die einfach gerne arbeitet, die das auch als Quelle ihres Selbstwerts erachtet. Alle reden über Work-Life-Balance mit Betonung auf Life, über die Vier-Tage-Woche und wie man Teilzeit optimieren kann, aber wir reden kaum darüber, wie wichtig Arbeit als gesellschaftliche Teilhabe oder auch eines Miteinanders ist“, meint Vea Kaiser dazu (Julie Metzdorf, BR 03.11.2025).
Ihr Roman ist wiederum ein gesellschaftliches Sittenbild – von der sogenannten besseren Gesellschaft, die in Nobelhotels absteigt und am Opernball tanzt, bis hin zu Frauen, die allein für die Kinderbetreuung aufzukommen und auch sonst immer zu funktionieren haben. Ein weiteres sprachlich virtuoses Opus in ihrem beeindruckenden Werkkatalog, in dem sie sich unterhaltsam, ohne trivial zu werden, mit Herkunft, Provinz und Familiengedächtnis beschäftigt und das ihr mittlerweile einen gebührenden Platz in der österreichischen Gegenwartsliteratur verschafft hat.
Geschafft hat sie dies mit vielstimmigen, warmen, humorvollen, bisweilen überdrehten Familien- und Gesellschaftsromanen, die, verspielt und geschickt gebaut, davon erzählen, was (beinahe) jeden angeht: von Herkunft, Klassenzugehörigkeit, Migration, Erinnerung und der Frage, wie sich ein Leben überhaupt erzählen lässt. Wer Vea Kaiser liest, dem wird schnell klar, dass sie nicht nur Geschichten erfindet, sondern sich einfühlsam und genau besonders dafür interessiert, wie Menschen in diese Geschichten geraten sind und wie diese Geschichten die Leben der Menschen bestimmen.
Foto: (c) Ingo Pertramer