Vertlib, Vladimir - Der Jude der Kaiserin
Ein konvertierter jüdischer Arzt als einzige Hilfe für die katholische Kaisern.
Margarita Theresa, Infantin von Spanien, zieht 1668 nach Wien, da sie schon als Kind mit Leopold dem I. von Österreich verheiratet wurde. Sie ist eines der Opfer der damals praktizierten Heiratspolitik der Habsburger, denn er ist gleichzeitig ihr Onkel und Cousin. Sie wird Zeit ihres Lebens Oheim zu ihm sagen. Es geht dabei um Machterhalt und Geld – die Folgen der Inzucht werden, soweit bekannt, ignoriert. So ist es die einzige Aufgabe der 16-Jährigen, viele Kinder, bevorzugt Knaben, zur Welt zu bringen.
Mit ihrem Gefolge kommt auch ihr Leibarzt Pedro Esteban de Rojas nach Wien. Er verbirgt seine wahre Identität, denn er ist ein spanischer Converso, ein konvertierter Jude. Das erste Kind der jungen Kaiserin stirbt und bei der nächsten Schwangerschaft sucht der Wundarzt Pedro die Hilfe der anerkannten jüdischen Hebamme Esther. Nur sie kann wirklich helfen. Es ist ein heikles Unterfangen, denn die Kaiserin ist, beeinflusst von der katholischen Kirche, eine ausgesprochene Judenhasserin. Diese Einstellung ist historisch belegt. Aber die Angst vor der zweiten Geburt und vor einem neuerlichen „Versagen“ bewirken, dass sie mit allem einverstanden ist. Nur, wenn dem Kind etwas passiert, dann wird der Jüdin (und allen Juden in Wien) die Schuld zugeschoben.
Die Wiener Juden lebten damals mehr oder weniger geschützt durch ein kaiserliches Dekret von Ferdinand II. seit 1624 relativ friedlich im jüdischen Viertel „Am unteren Wird“, einer Insel in der damals noch unregulierten Donau. Doch bei jedem größeren Unglück in Wien wurden sie als Schuldige mit Hass verfolgt. Pedro und Esther, die beiden nicht historisch belegten Protagonisten, versuchen alles, um der werdenden Mutter zu helfen. Nur gibt es in der Medizin der damaligen Zeit noch viel Aberglauben und sehr zweifelhafte Methoden: Tabak rauchen für Schwangere, da es die „Säfte“ reguliert oder Leichenfettsalben, Quecksilber, gegerbte Menschenhaut von Hingerichteten u.a.
Der Roman mischt gekonnt historische Tatsachen mit dem Schicksal der beiden Romanfiguren. Das Leben in Wien in der Barockzeit wird mit all seiner Brutalität nachgezeichnet. Es gibt Seuchen, Ruhr, Blattern und katastrophale hygienische Bedingungen. Die Menschen sterben elend, da sie oft unterernährt sind. Grausamer Aberglaube, Kriminalität und Machtmissbrauch machen die Stadt unsicher. Dabei entstehen die schönsten barocken Bauten und Kunstwerke, die wir heute noch bewundern können. Geschickt werden auch historische Personen (wie etwa Abraham a Sancta Clara oder Samuel Wolf Oppenheimer) in die Geschichte eingebaut. Interessant sind auch die historischen Schauplätze, beispielsweise die Brigittakapelle (Brigittenau), die Favorita (jetzt Theresianum im 4. Bezirk), die Leopoldstadt (ein Wiener Bezirk, in dem man noch etliche alte Straßennamen des einstigen Ghettos findet).
Der Roman steuert auf seinen Höhepunkt, die Geburt, zu. Kann ein lebensfähiges Kind die Lage der Juden zum Guten wenden und die Vertreibung verhindern? Müssen Pedro und Esther um ihr Leben bangen? Wie wird es mit der jungen Kaiserin weitergehen? Wird es einen Thronfolger geben? Die Geschichte, die reale und fiktive, bleibt spannend. Neben einem packenden Lesevergnügen wird viel Geschichte vermittelt und die Welt des Barocks plastisch geschildert. Dazu sollte man sich unbedingt im Kunsthistorischen Museum in Wien die Bilder der Infantin Margarita Theresa (großartig gemalt von Diego Velázquez) ansehen. Durch diesen Roman wird das tragische Schicksal dieser Frau hinter den entzückenden Kinderbildern plötzlich greifbar.
Renate Schediwy-Oppolzer
Vertlib, Vladimir - Der Jude der Kaiserin
Roman. Salzburg: Residenz 2026. 416 S. - fest geb. : € 28,95 (DR) ISBN 978-3-7017-1821-4