Vogt, Sebastian - Trinkergeschichte

Vogt, Sebastian - Trinkergeschichte

Novelle.

Sebastian hat sein Leben nicht im Griff. Er fällt jede Nacht schwer betrunken ins Bett und schaut wie jemand aus, der auf der Straße oder in Notschlafstellen übernachtet. Er ist ein „stiller Zecher“ und nennt sich „Kleinschriftsteller“, weil er zwar alle drei, vier Jahre ein Buch mit Kurzgeschichten veröffentlicht, aber anders als Freund Felix, der es versteht, sich als Journalist einen Namen zu machen, als Autor unbekannt bleibt.

Inzwischen ist er 53, den ganzen Tag betrunken und das Wenige, was er noch zu Papier bringt, kommt ihm „läppisch“ vor. Nichts findet er schöner als einen Rausch. Seine Zechtour beginnt meistens in Irene Bergers Buffet in der Jägerstraße im 20. Wiener Gemeindebezirk. Abends holt er sich für zuhause dann noch sieben Dosen Bier von der Tankstelle, spart beim Essen, raucht aber zwei Packungen Zigaretten am Tag.

Weil er schlecht mit Menschen umgehen kann, kennt er niemanden, den er treffen oder anrufen könnte und vermeidet zu „ernüchtern“, obwohl ihm eigentlich „niemand übel mitspielt“. Überraschenderweise erhält er ein Staatsstipendium für Literatur, bleibt aber auf Felix, den er nach seinem Wechsel ins rechte Lager meidet, trotzdem neidisch, weil der mit populärphilosophischen Werken „hohe Summen“ verdient, Sebastian mit seiner Belletristik aber nur „lachhafte Beträge“, weshalb er sich als gescheitert sieht. Doch im Sommer ist er einmal letzter Gast in Irenes Buffet. Sie trinken zusammen und erzählen sich Geschichten von ihrer Einsamkeit. Der schwermütige Melancholiker Sebastian lernt, sich durch die poesiebegeisterte Irene zu mäßigen. Die Stunden mit ihr sind ein harmonisches Miteinander von Lyrik, Sexualität und Plauderei, aus dem er Kraft und Zuversicht schöpft. Er will sein Leben radikal ändern und den großen Roman schreiben. Doch dann ist Irene plötzlich weg und die Einsamkeit wieder bedrohlich.

Sebastian Vogt lässt nicht viel Positives im Leben seines gleichnamigen Protagonisten zu. Schonungslos offen berichtet er, wie ein vom Erfolg gemiedener Autor sich mit Geldmangel, Alkoholsucht und psychischer Labilität herumschlägt und dennoch an seine Karriere zu glauben versucht. Zuletzt ist es die Suppe der Caritas, die ihn am Leben hält, der im Grunde seines Wesens ein schüchterner, passiver Mensch, ja ein „Eigenbrötler“ ist; ohne Talent, „die nähereBekanntschaft eines einflussreichen Menschen zu machen“, um endlich ins Zentrum des Literaturbetriebs zu gelangen. Kein Wunder, dass ihm alle, die sich dort tummeln, „zuwider“ sind und er sie größter moralischer Verfehlungen verdächtigt.

Der Autor erweist sich aber nicht nur als präziser Beobachter der gesellschaftlichen Entwicklung im Land, dessen Struktur von der extremen Rechten „verlacht“ wird, sondern auch als scharfer Analyst des eigenen Berufs, haben doch auch da jene den meisten Erfolg, die „am lautesten Ich“ schreien, während alle, die an sich zweifeln, selbst wenn sie die tollsten Texte schreiben, „bescheiden leben“ müssen. Eine von mehreren schönen Erkenntnissen, die dieses Buch zum fruchtbaren Lesestoff machen.
Andreas Tiefenbacher

Vogt, Sebastian - Trinkergeschichte
Novelle. Klagenfurt: Drava 2025. 120 S. - fest geb. : € 21,00 (DR) ISBN 978-3-99138-104-4

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