Wahl, Caroline - 1999 Meter über dem Meer

Wahl, Caroline - 1999 Meter über dem Meer

Auf der Suche nach ihrer Identität probiert sich eine orientierungslose junge Frau in verschiedenen Rollen aus.

Die 1995 geborene Caroline Wahl gilt als Shootingstar in der deutschen Literaturszene und hat mit „1999 Meter über dem Meer“ bereits ihren vierten Roman, einen „Spiegel“-Bestseller, veröffentlicht. Die junge Ich-Erzählerin Samara hat gerade ihr Studium abgeschlossen und will vor ihrer Übersiedelung nach Berlin auf Bali Urlaub machen. Doch schon nach acht Tagen bricht sie diesen ab, weil sie auch dort die Dunkelheit, die sie seit ihrem 12. Lebensjahr in sich trägt, nicht abzuschütteln vermag und dem Meer, ja dem Wasser überhaupt, nichts abgewinnen kann.

In Berlin arbeitet sie ein paar Wochen in einer PR-Agentur, trifft Influencer und Möchtegern-Promis und beginnt, wie schon in Bali, anderen Geschichten über sich aufzutischen, die nichts mit der Wahrheit zu tun haben. Auf einem Event lernt sie den „wunderschönen Mann“ kennen, der ein großer Fisch im Filmgeschäft ist und ihr anbietet, sie könne seine Wohnung in St. Moritz benutzen, wann immer sie Lust darauf habe. Und Lust hat sie, denn die Influencer-Szene macht sie nicht glücklich, und so packt sie überstürzt ihren Koffer, googelt zunächst „Alpen in Deutschland“, setzt sich in ihr Auto und beginnt einen Roadtrip, der sie über die deutschen Autobahnen ins Allgäu bringt. Mit dabei ist immer ihre Leica, mit der sie Alltagsszenen einfängt und die Eindrücke, die sie mit allen Sinnen aufnimmt, verarbeitet.

Auch in Oberstorf legt sie sich eine Fake-Identität zu, stellt sich bei ihren Pensionswirten unter falschem Namen vor und behauptet, Ärztin zu sein, die vor Antritt ihres Jobs noch ein paar Tage Urlaub machen will. Als es ihr dort zu provinziell wird, fährt sie weiter nach St. Moritz, wo sie in der Wohnung des „wunderschönen Mannes“ unterkommt. Unter den Superreichen von St. Moritz findet sie schnell Anschluss, stellt sich als Fotokünstlerin vor und wird bald zu den exklusivsten Partys eingeladen. Aber die Einsamkeit will sie auch in den Bergen nicht verlassen, und als der „wunderschöne Mann“, in St. Moritz nennen ihn alle Fritzi, auftaucht und sie sich in ihn verliebt, lässt sie langsam alle Vorsicht fallen.

Von Anfang an ist klar, dass hier eine orientierungslose junge Frau, aufgewachsen mit Serien und Computerspielen, auf der Suche nach ihrer Identität ist, sich in verschiedenen Rollen ausprobiert, aber bis zum Ende ihres Roadtrips sich selbst nicht wirklich näherkommt. Einerseits genießt sie ihren unbändigen Freiheitsdrang, andererseits möchte sie sich irgendwo zuhause und aufgehoben fühlen. Caroline Wahl erlaubt ihrer Protagonistin ausführliche Beobachtungen ihrer Umgebung, die leider manchmal ins Banale kippen oder sich 50 Seiten später wiederholen. Dazwischen gibt es Dialoge, die selten in ein interessantes Gespräch münden. Erst als Fritzi auftaucht, gelingt es Samara, sich einem anderen Menschen etwas zu öffnen. Da ist es nicht verwunderlich, dass man während der Lektüre der mehr als 350 Seiten immer wieder einmal aufgeben möchte, um dann den Roman doch zu Ende zu lesen, weil man hofft, dass die Hauptfigur sich weiterentwickeln könnte.
Ida Dehmer

Wahl, Caroline - 1999 Meter über dem Meer
Roman. Hamburg: Rowohlt 2026. 368 S. - fest geb. : € 24,70 (DR) ISBN 978-3-498-00771-3

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